KOLUMNE
Kunst ist nichts für mich
Gegen Jahresende lässt man gerne das vergangene Jahr Revue passieren. Neben privaten Highlights tummeln sich bei mir aber auch unzählige Kunstmomente – sei es in meinen Erinnerungen oder in der Foto-App. Doch nicht jeder teilt diese Begeisterung, wie ich in diesem Jahr schmerzlich erfahren musste.
Es war im Frühjahr. Ich stand im Museum vor Caravaggios Obstkorb – einem kleinen Meisterwerk, das, wie könnte es anders sein, die Schönheit des Vergänglichen einfängt. Voller Begeisterung für Caravaggio und sein Werk, wollte ich meiner Begleitung erzählen, dass Stillleben durchaus ihren Reiz haben – ganz abgesehen von der technischen Brillanz Caravaggios. Ich fragte sie also, ob ich ihr etwas mehr dazu erzählen dürfe, worauf sie antwortete: „Lieber nicht.“ Diese Aussage sitzt bis heute. Seitdem bin ich nicht nur sparsamer mit kunsthistorischem Wissen, sondern achte mehr darauf, wie Menschen Kunst erleben – oder eben nicht. Der wahre Kunstfehler im Jahr 2024 liegt für mich somit nicht in der Diskussion darüber, ob KI-Kunst „echte Kunst“ ist, sondern in der weit verbreiteten Haltung: „Kunst ist nichts für mich.“
Denn machen wir uns nichts vor: Kunst war noch nie so präsent wie heute – und das längst nicht nur in Museen und Galerien. Die grossen Meisterwerke hängen vielleicht noch in der Alten Pinakothek, aber ihre ästhetischen Nachfahren? Die finden wir in unserem Kleiderschrank, unserem Wohnzimmer und auf unserem Instagram-Feed. Unser Hoodie? Eine moderne Hommage an mittelalterliche Mönchsroben. Unser „vintage“ Esstisch? Ein Design-Erbe der Bauhaus-Bewegung. Selbst die romantisch gefilterten Sonnenuntergangsfotos die wir posten, sind nichts anderes als eine moderne Version der Landschaftsmalereien von Caspar David Friedrich oder Cézanne.

Michelangelo Merisi da Caravaggio, Obstkorb, 1597 - 1600, Öl auf Leinwand, 67.5 cm x 54.5 cm, Biblioteca Ambrosiana, Mailand. PD. Foto CC BY 4.0, Kozmojune, 2024.
Natürlich wirkt die Kunstszene oft elitär – und das ist sie stellenweise auch. Aber Kunst selbst könnte doch kaum näher am Alltag sein. Schau dir die niederländischen Stillleben des 17. Jahrhunderts an: überquellende Obstschalen, frisch gefangene Heringe, ein Glas Wein. Das sind die Originale der heutigen Food-Fotografie – nur mit besserer Lichtführung und ohne Filter. Genau das ist der Punkt: Kunst zeigt, was Menschen bewegt, und das war schon immer sehr nah am Leben. Wieso also diese kategorische Ablehnung?
Der wahre Grund liegt vermutlich woanders: Kunst fordert uns heraus, und genau das ist unbequem. Sie zwingt uns, innezuhalten, hinzusehen und Fragen zu stellen. Worum geht es hier wirklich? Was wollte der Künstler uns zeigen? Und warum könnte das auch heute noch wichtig sein? Es ist ein intellektueller Muskelkater, den viele fürchten. Bequemer ist es, sie wegzuwischen wie einen schlechten Netflix-Vorschlag.
Kunst ist kein elitäres Accessoire, sondern ein Werkzeug, um sich der Welt zu stellen. Sie dokumentiert, hinterfragt, provoziert – und manchmal ist sie schlichtweg schön. Wer sagt, Kunst sei „nichts für mich“, verkennt, dass sie bereits überall ist. Nicht die Kunst hat den Bezug zum Leben verloren – wir haben den Blick für sie verloren.
Aber keine Sorge: Kunst wird uns trotzdem finden. Caravaggio zwinkert uns aus einem Dior-Werbespot zu und Mondrian sitzt vielleicht schon in unserem Kleiderschrank.