THE TASTE EDIT
Napoleon als Dessert – ein Mythos zwischen Schichten, Macht und Zucker.
Kaum jemand verstand die Macht der Geschichtsschreibung besser als Napoleon Bonaparte (1769 – 1821). Er war Soldat, Stratege, Kaiser – aber auch ein Selbstdarsteller von historischem Ausmass. Sein Aufstieg von einem korsischen Aussenseiter zum Herrscher Europas war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer perfekt orchestrierten Machtdemonstration. Doch wahre Macht zeigt sich nicht nur auf dem Schlachtfeld – sondern in der Erzählung, die ein Herrscher über sich selbst schreibt. Eine Erzählung, die bis heute weitergeschrieben wird – manchmal sogar auf unseren Tellern.
Die Napoleon-Torte: Ein Dessert als Erzählung der Macht
Die Napoleon-Torte ist mehr als nur ein Blätterteig-Dessert. Sie ist eine kulinarische Geschichtserzählung, deren Schichten die Höhen und Tiefen von Napoleons Herrschaft widerspiegeln.
Zwölf Schichten: Sie stehen für zwölf entscheidende Schlachten Napoleons. Ob seine grössten Siege und / oder Niederlagen gemeint sind, ist jedoch umstritten.
Die bröselnden Blätterteigschichten: Sie symbolisieren das Zerbrechen der französischen Armee im eisigen Russland.
Die cremige, helle Füllung: Sie steht für den russischen Winter, der Napoleons Truppen endgültig besiegte.
Wie aber wurde eine Torte zu einem Symbol für den Untergang eines Imperiums?

Jacques-Louis David, Die Krönung Napoleons, 1805/07, Öl auf Leinwand, 621 x 979 cm, Le Musée du Louvre, Paris. PD.
Napoleon: Der Meister der Inszenierung
Die Französische Revolution veränderte alles. Auch für Napoleon Bonaparte. Der junge Korse begrüsst die Revolution und führt schliesslich als junger General die französischen Truppen im Italienfeldzug gegen den Erzfeind Österreich an. Erfolgreich. Jahrelang erzielt er einen Sieg nach dem anderen.
Doch nicht nur seine Siege machten ihn unsterblich.
Die „Bulletins der Grande Armée“: Seine eigene Zeitung, in der er sich für Siege feiern und Niederlagen beschönigen liess.
Gemälde als Propaganda: Napoleon liess sich als strahlenden Anführer darstellen. Horace Vernets „Die Schlacht an der Brücke von Arcole“ (1826) zeigt ihn als furchtlosen Helden. In Wahrheit fiel er in ein Matschloch, während seine Soldaten flohen.
Die Kaiserkrönung (1804): Napoleons grösste Inszenierung: Er lud ganz Europa nach Paris, der Papst reiste an – nur um dann tatenlos zuzusehen. Napoleon setzte sich selbst die Krone auf.
Napoleon verstand es, sich mit historischen Grössen zu vergleichen. Alexander der Grosse, Cäsar, Karl der Grosse. Sie alle dienten als Vorbilder, in deren Fussstapfen er treten wollte.

Horace Vernet, Die Schlacht an der Brücke von Arcole, 1826, Öl auf Leinwand, 194 x 260 cm, Standort unbekannt. PD.
1812: Der Anfang vom Ende
Napoleons Herrschaft erreichte ihren Höhepunkt, doch sein Russlandfeldzug sollte sein grösster Fehler werden. Mit 600’000 Soldaten marschierte er in das Zarenreich und traf auf einen Feind, der ihm nicht die erwartete Schlacht lieferte.
Die Taktik der verbrannten Erde: Zar Alexander gab die Stadt lieber auf, als sich Napoleon zu unterwerfen. Er zündete alles an, was Napoleon nützen konnte.
Russlands Winter: -40 °C, leere Vorratslager, Krankheiten. Die Grande Armée musste fliehen.
Die Katastrophe: Am Fluss Beresina kommt es zur Schlacht. Am Ende kehren nur einige Zehntausend Soldaten nach Frankreich zurück.
Dieser Feldzug war nicht nur eine militärische Katastrophe, sondern ein Bruch in Napoleons Erzählung. Napoleon gibt sich aber auch dann noch nicht geschlagen. Schliesslich besiegelt aber die Schlacht bei Waterloo Napoleons Untergang.

January Suchodolski, Die Grande Armée beim Übergang über die Beresina, ca. 1859, Öl auf Leinwand, Masse unbekannt, Nationalmuseum in Posen, Posen. PD.
Die Geburt der Torte: Ein kulinarisches Denkmal?
Fast ein Jahrhundert nach Napoleons Niederlage wurde in Russland eine neue Delikatesse populär: die Napoleon-Torte. Doch warum eine Torte zu Ehren eines gefallenen Feindes?
Eine späte Rache? Manche glauben, dass die Torte eine ironische Geste war – ein süsses Denkmal für Napoleons Niederlage.
Etymologische Verwirrung? Der Name könnte sich nicht auf Napoleon, sondern auf Neapel (Napoli) beziehen.
Ein Mythos ohne festen Ursprung: Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen – doch genau das macht die Torte erst ikonisch.
Mythos & Macht: Warum überlebt Napoleon auf unserem Teller?
Napoleon verlor sein Imperium, doch sein Mythos lebt bis heute weiter – ein Mythos, den er selbst erschaffen hat, gestützt auf militärische Erfolge und politische Reformen. Doch seine Vision von Ordnung ging einher mit Kriegen, Zensur und der Selbstkrönung zum Kaiser. Er brachte Fortschritt und Verwüstung zugleich – ein Widerspruch, der bis heute nachhallt, ob in Gemälden, in Geschichtsbüchern oder in der Küche: Ein Mythos lässt sich wohl schwerer zerstören als ein Imperium. Und vielleicht ist genau das das wahre Rezept für Unsterblichkeit.

Das Rezept zu La Retraite
Zutaten für 2 Stück
1 Blätterteig, rechteckig
Zucker
Puderzucker
250 ml Milch
45 g Zucker
10 g Mehl
13 g Maisstärke
1 Vanilleschote
2 Eigelb (40 g)
15 g Butter
Caramel au Beurre salé (optional)
Blätterteig
1. Den Backofen auf 180°C vorheizen.
2. Ein Backpapier auf das Backblech legen und mit Zucker bedecken. Den Blätterteig darüber legen und leicht andrücken. Die Oberseite mit Puderzucker bestreuen.
3. 10 Minuten im Backofen backen. Danach ein Backpapier über den Teig legen, gefolgt von einem passenden Backblech – leicht andrücken.
4. Weitere 15 – 20 Minuten backen. Der Teig sollte eine schöne goldbraune Farbe bekommen.
5. Herausnehmen und auskühlen lassen. Nun 12 Dreiecke ausschneiden (scharfes, gezacktes Messer).
6. Den Rest des Blätterteigs in einen verschliessbaren Plastikbeutel geben. Mit einem Wallholz zerbröseln.
Crème pâtissière
1. Vanilleschote auskratzen und zusammen mit der Schote und der Milch in einen Topf geben. Auf mittlerer Stufe unter Rühren zum Kochen bringen. Vom Herd nehmen und abgedeckt 5 – 10 Minuten ziehen lassen.
2. Den Zucker und das Eigelb in einer Schüssel verrühren. Das Mehl mit der Maisstärke vermischen, dazugeben und verrühren.
3. Die Vanilleschote aus der Milch entfernen. Die Milch nun langsam unter ständigem Rühren zu der Eier-Zuckermischung geben.
4. Alles in den Topf giessen und auf mittlerer Stufe unter ständigem Rühren zum Köcheln bringen. 1 Minute weiter rühren und köcheln lassen. Den Topf vom Herd nehmen und die Butter unterrühren.
5. Die Creme nun in eine Schüssel füllen und mit Frischhaltefolie abdecken – am besten die Frischhaltefolie direkt auf die Creme legen, so dass keine Luft dazwischen kommt. Nun in den Kühlschrank stellen, bis sie eine Temperatur von 10-15°C erreicht hat.
Das Finale
1. Die Blätterteig-Dreiecke nun dünn mit der Crème pâtissière bestreichen.
2. Wer mag, kann die mittlere mit Caramel au Beurre salé bestreichen. Dies gibt eine süsse Note und greift zeitgenössische osteuropäische Versionen der Napoleon-Torte auf.
3. Die Dreiecke nun stapeln (je 6). Mit der restlichen Crème pâtissière runderherum bestreichen (ausser den Boden).
4. Die Blätterteig-Brösel nun an den Seiten anbringen.
La Retraite passt vorzüglich zu einer Kugel Kondensmilch-Glace.
Bon appétit!