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Mythos und Macht: Zwischen Antike und Algorithmus
Macht erzählt sich nicht in Fakten. Sie schreibt sich in Bilder, Rituale, Erzählungen – und Mythen. Ob ägyptische Pharaonen, römische Imperatoren oder absolutistische Könige: Seit jeher kleidet sich Macht in das Gewand des Göttlichen, des Unantastbaren, des Geschichtenerzählers. In Mythen wird Macht legitimiert, überhöht – und zugleich verschleiert. Wer über Jahrhunderte hinweg Kunst, Architektur und Sprache prägte, wusste: Was sichtbar ist, bleibt. Und was als Mythos weiterlebt, wirkt stärker als jede Realität. Und auch heute noch sind Mythos und Macht eng verknüpft – nur die Kulissen haben sich verändert. In digitalen Räumen zirkulieren neue Narrative mit alter Wucht: Fake News, Verschwörungstheorien, politische Inszenierungen. Figuren wie Trump oder Putin verstehen es, sich nicht nur zu behaupten, sondern sich zu stilisieren – zu Helden, Opfern, Erlösern. Der Mythos hat das Medium gewechselt, nicht aber seine Funktion.
In der Kunst war die Verbindung zwischen Mythos und Macht stets ein produktiver Spiegel. Die antike Götterwelt diente Herrschern als Vorbild – und als Legitimation. Die Renaissance griff diese Bildsprache als bewussten Rückgriff auf das Ideal der Antike wieder auf – und auch im 20. Jahrhundert wurden mythologische Motive ideologisch aufgeladen. Heute begegnet uns der Mythos meist in subtileren Formen: als nostalgischer Rückgriff, als ikonisches Symbol oder als bewusste Dekonstruktion. Was bleibt, ist die doppelte Wirkung: Mythos kann befreien – oder blenden. Macht kann schützen – oder zerstören. Wer sich jedoch mit den Bildern und Mythen der Vergangenheit auseinandersetzt, erkennt ihre Fortsetzung im Heute – und vielleicht auch, wie man ihnen entkommen kann.
Im Monat April werfen wir einen Blick auf Figuren und Motive, in denen sich Mythos und Macht verdichten: auf Marie Antoinette, die zur Symbolfigur für das Elend eines ganzen Volkes wurde und dafür mit dem Leben zahlte. Auf La Voisin, deren Giftmorde und Ritualpraktiken das Zusammenspiel von Gier, Angst und Aberglauben offenbaren. Und auf Napoleon, der wie kaum ein anderer Mythos und Macht in sich vereinte – zwischen Inszenierung, Krieg und Unsterblichkeitsdrang.
Ein Thema voller Echo, Widerspruch und Relevanz. Willkommen im April. Willkommen bei Mythos & Macht.

Ein Barockmaler feiert Alexander – und indirekt seinen König. Macht im Gewand des Mythos: Charles Le Brun, Alexander zieht in Babylon ein, 1665, Öl auf Leinwand, 450 x 707 cm, Le Musée du Louvre, Paris. PD.