10 Fragen an…

Im Kozmos von Jill Burke

Jill Burke ist Historikerin, Kunsthistorikerin und Professorin für visuelle und materielle Kultur der italienischen Renaissance an der Universität Edinburgh. In ihrem aktuellen Buch How to be a Renaissance Woman (2023) taucht sie in die Welt der Schönheitspraktiken und der Körperkultur der Frühen Neuzeit ein. Auf Basis von historischen Rezeptbüchern, Briefen, Tagebüchern und Kunstwerken schildert Jill die Hoffnungen, Ängste und Bestrebungen der Frauen dieser Zeit und zeigt, dass der Druck, einem Schönheitsideal zu entsprechen, keine Erfindung der Moderne ist.

In „Im Kozmos von…“ erzählt Jill Burke, wie der Blick auf historische Schönheitsideale helfen kann, das eigene Selbstbild zu reflektieren, was Renaissance-Frauen mit unserem Trend zu dewy skin zu tun haben und welche Rezepte man besser nicht ausprobieren sollte.

Jill Burke, Kunsthistorikerin und Autorin von ″How to be a Renaissance Woman″.

1. Wenn Du eine Renaissance-Beauty-Influencerin wärst, welches Produkt aus der damaligen Zeit würdest Du auf Instagram promoten – und wie würdest Du es beschreiben?
Ich bin wirklich weit davon entfernt, eine Beauty-Influencerin zu sein, was die Frage gar nicht so einfach macht. Erin Parsons (@erinparsonsmakeup) hat mein Lavendel-, Rosen- und Salbeiwasser gemischt, also entscheide ich mich für das.

2. Was glaubst Du, würden Renaissance-Frauen über unsere heutige Vorstellung von Schönheit denken? Welche Beauty-Tipps würden sie wohl ausprobieren wollen?
Ich denke, sie wären irritiert, warum Frauen heute unbedingt schlanker sein wollen – und sie würden unsere buschigen Augenbrauen ziemlich seltsam finden. Aber manches hat sich nicht geändert: Ein klarer, strahlender Teint oder die Besessenheit mit Anti-Aging waren damals schon ein Thema. Ich glaube, sie wären überwältigt von der Menge an Produkten, die man heute kaufen kann und vielleicht auch traurig, dass nur noch so wenige ihre eigenen herstellen.

Ein Beauty-Tipp, den sie wohl ausprobieren würden, ist glänzende Haut – das, was wir heute dewy skin nennen. Ein Produkt, das die Haut zum Strahlen bringt, war damals sehr beliebt.

3. Als Kunsthistorikerin arbeitest Du viel mit Darstellungen des Körpers. Hat das Deine eigene Sicht auf Schönheit verändert?
Mein Interesse an bildender Kunst begann schon in meiner Teenagerzeit. Das hat dazu beigetragen, dass ich ein eher vielseitiges Schönheitsverständnis entwickelt habe und kurzlebigen Trends mit einer gewissen Skepsis begegne. Aber natürlich habe auch ich, wie fast alle Frauen, den Druck gespürt, nicht gut genug zu sein oder nicht gut genug auszusehen, vor allem in meinen Teenager- und Zwanzigerjahren. Etwas über historische Schönheitsideale zu wissen, hilft dabei, Abstand zu gewinnen und zu verstehen, dass diese Gefühle eng mit dem jeweiligen Moment verbunden sind. Genau darauf geht mein Buch ein.

4. Wie unterscheidet sich die Darstellung des Körpers in Italien von anderen europäischen Regionen der Renaissance?
In Italien orientierte man sich früher als anderswo in Europa an den idealisierten Formen der antiken griechischen und römischen Skulptur. Für Frauen bedeutete das die „Sanduhrfigur“ der Venus: eine schmale Taille, kräftige Oberschenkel und Arme sowie ein runder Bauch. Das steht im Kontrast zum gotischen Schönheitsideal, das zuvor dominierte – mit betonten Hüften und Bauch sowie schmalen Schultern.

5. Viele Renaissance-Ideale wurden von männlichen Künstlern geprägt. Wie glaubst Du, würde die Kunstgeschichte heute aussehen, wenn Frauen gleichberechtigt Zugang zu den Ateliers gehabt hätten?
Obwohl Männer natürlich dominant waren, erfahren wir immer mehr über Frauen, die im 16. und 17. Jahrhundert Zugang zu Ateliers und Werkstätten hatten. Einige von ihnen, wie Lavinia Fontana (1552 – 1614), griffen die Themen ihrer männlichen Kollegen auf und stellten beispielsweise mythologische Szenen mit Aktdarstellungen dar. Andere, wie Artemisia Gentileschi (1593 – 1653), brachte eine deutlich weiblichere Perspektive auf den Körper und die Themen, die sie behandelten.

Michelangelo Merisi da Caravaggio, Martha und Maria Magdalena, ca. 1598, Öl auf Leinwand, 98 x 133 cm, Detroit Institute of Arts, Detroit. PD.

6. Was ist das skurrilste Rezept, auf das Du während Deiner Forschung gestossen bist?
Vermutlich das Rezept, das vorschlägt, Katzenkot zu benutzen, um Körperhaare zu entfernen. Oder das, bei dem man seine Beine in ein Fass mit Urin tauchen soll, um Krätze loszuwerden. Es gibt definitiv viele, die ich bisher nicht nachstellen wollte!

7. Angenommen, Du könntest eine Dinner-Party mit drei Frauen der Renaissance schmeissen. Wen würdest Du einladen und worüber würdet ihr reden?
Ich würde Moderata Fonte einladen – sie war witzig, klug und schrieb 1600 eine wunderbare Abhandlung darüber, warum Frauen besser als Männer sind. Dann Maddalena die Weberin, eine arme Frau, die in Rom lebte und ihren Lebensunterhalt mit Liebeszauber, Kosmetik und Gift verdiente. Und schliesslich Veronica Franco, eine Kurtisane aus Venedig, die für ihre Schönheit, ihren Witz, ihre Briefe und Gedichte berühmt war, aber in Armut starb, nachdem ihr wichtigster Gönner gestorben war

8. Stell Dir vor, Du wärst eine Mäzenin im Florenz des 15. Jahrhunderts. Was für ein Projekt würdest Du fördern wollen und warum?
Ich hoffe, ich würde meinen Reichtum mit den vielen armen und mittellosen Menschen teilen, anstatt ihn für den Bau prunkvoller leerer Paläste oder prächtiger Kapellen zu verwenden.

9. Gibt es ein Kunstwerk der Renaissance, das voller versteckter Beauty-Geheimnisse steckt – sichtbar oder unsichtbar?
Jedes Kunstwerk, das eine schöne Frau darstellen soll, sagt etwas über die Schönheitskultur der jeweiligen Zeit aus. Caravaggios Martha und Maria im Detroit Institute of Arts ist besonders interessant, weil es nicht nur die Objekte zeigt, die mit Schönheit verbunden waren, sondern auch, wie Frauen unterschiedliche Zugänge dazu hatten.

10. Du reist zurück ins Jahr 1504. Auf welches moderne Feature könntest Du nicht verzichten?
Fliessendes, sauberes Wasser – und Kaffee, ohne den geht gar nichts.

Dieses Interview wurde aus dem Englischen übersetzt.

 

Jill Burke, How to be a Renaissance Woman, 2023.