10 Fragen an..

Im Kozmos von Gabriela Gehrig

Gabriela Gehrig, auch bekannt als The Sewing Historian, bewegt sich souverän zwischen den Jahrhunderten. Als Historikerin und leidenschaftliche Hobbyschneiderin erweckt sie historische Kleidung zum Leben und gibt uns Einblicke in vergangene Epochen. Sie nimmt uns mit auf eine Reise durch die Zeit und zeigt, wie eng Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbunden sind.

In „Im Kozmos von …“ erzählt Gabriela, warum Kopfbedeckungen ein Comeback verdient haben, was sie an einem turbulenten Apriltag im Jahr 1798 erlebt hätte und warum eine Jeans das ultimative Zeitzeugnis unserer Epoche ist.

1. Wenn Du für einen Tag in einer historischen Epoche leben könntest, welche würdest Du wählen – und was würdest Du anziehen?

Die schwierigste Frage zu Beginn! Da kann ich mich als Historikerin fast nicht entscheiden… Ich würde aber wohl das Frühjahr 1798 wählen, und zwar direkt in meiner Wahlheimat, der Stadt Aarau, wo am 12. April die Helvetische Republik ausgerufen wurde. Ich finde diese Zeit des Umbruchs und des Übergangs vom Ancien Régime zur Moderne in allen Aspekten wahnsinnig spannend und würde gerne sehen, wie es an diesem turbulenten Tag zu und hergegangen ist.

Anziehen würde ich eines meiner Baumwoll- oder Musselin-Kleider für die späten 1790er-Jahre. Und vermutlich eine Prise Revolution reinmischen – eine Kokarde mit den Farben der Helvetischen Fahne Grün-Rot-Gelb!

2. Welches moderne Feature würdest Du unbedingt mitnehmen wollen?

Am liebsten natürlich ein Gerät zur Dokumentation, um Eindrücke, Bilder und Ton festzuhalten – also ein Handy oder eine Kamera. Und Penicillin!

 

Gabriela Gehrig aka The Sewing Historian, Kleidung ~ 1480. Foto © Olessya Docherty.

3. Stell Dir vor, in 200 Jahren näht jemand ein Kostüm aus unserer heutigen Zeit. Welches Kleidungsstück oder Accessoire sollte auf keinen Fall fehlen?

Eine Jeans! Klingt etwas langweilig, aber eine Jeans geht erstens immer und kann zweitens sowohl Mode- als auch Wirtschaftsgeschichte erzählen und dabei gleich auch auf ein sehr dringendes Thema unserer Zeit hinweisen: Ressourcen-Verbrauch und Klimawandel. Jeans stehen nicht nur für die Alltagsmode, sondern auch für die problematische Seite der Textilindustrie, wie z.B. den hohen Wasserverbrauch, die toxischen Chemikalien und die oft unfairen Arbeitsbedingungen in der Herstellung. Denn genau das tut Kleidung: Sie erzählt Geschichte. Die muss aber natürlich nicht immer negativ behaftet sein, wie im Jeans-Beispiel.

4. Welches historische Kleidungsstück ist völlig unterschätzt und sollte ein Comeback feiern?

Hüte! Oder Kopfbedeckungen im Allgemeinen. Uns erscheint es heute etwas seltsam und ungewohnt, dass z.B. im Spätmittelalter Frauen Hauben trugen. Aber die Kopfbedeckung ist etwas, was bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts fest zur Garderobe aller Geschlechter dazugehörte, sobald man das Haus verliess. Ohne war man nicht vollständig angezogen. Ausserdem sind Hüte und Kopfbedeckungen nützlich und chic gleichzeitig.

5. Stell Dir vor, Du schreibst einen historischen Stil-Guide für moderne Zeitreisende. Welches Kapitel wäre Dir besonders wichtig?

Das Kapitel «Kleider machen Leute». Noch viel stärker als heute war Kleidung früher Code. Was man trug, sagte viel über den Tragenden aus: den Stand in der Gesellschaft, den wirtschaftlichen Status und so weiter. Das ist zwar heute in manchen Bereichen noch ähnlich, aber durch die «Demokratisierung der Mode» viel abgeschwächter. Und man kann auch in Jogginghose einkaufen gehen und keiner wundert sich.

Ein weiteres wichtiges Kapitel wäre: Unterwäsche! Unterwäsche ist für die jeweilige Silhouette und die Mode einer bestimmten Zeit oft sehr wesentlich, was heute gerne vergessen wird.

6. Gab es einen besonderen Moment oder ein Erlebnis, das Dich dazu gebracht hat, der Geschichte einen grossen Teil Deines Lebens zu widmen?

Ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr genau erinnern, wann meine Faszination für Geschichte und die Vergangenheit angefangen hat – sie war einfach immer da. Das habe ich wohl von meinem Vater!

7. Was fasziniert Dich an der Ästhetik vergangener Zeiten – und wie beeinflusst sie Dein Verständnis von Schönheit heute?

Zum einen sind Kleider Teil der materiellen Kultur einer bestimmten Zeit und können uns viel über diese bestimmte Zeit erzählen. Ausserdem ist Kleidung etwas, was uns wortwörtlich nahe ist – früher wie auch heute. Die Notwendigkeit für Kleidung und das Bedürfnis, mit seiner Kleidung etwas auszudrücken oder darzustellen, verbindet uns mit den Menschen aus vergangenen Jahrhunderten. Ausserdem öffnet es einem die Augen für Dinge, die wir vielleicht heute als unästhetisch empfinden, beispielsweise eben als Frau im Spätmittelalter Haube zu tragen oder die grossen Allongeperücken für Herren im späten 17. Jahrhundert. Dabei sind diese Sachen überhaupt nicht unästhetisch – wir sind sie uns nur einfach nicht mehr gewöhnt.
Dazu kommt die grosse Liebe für Details und eine Wertschätzung für Handwerkskunst und das Material: Feine Baumwolle, glänzende Seide, leuchtend gefärbte Wolle, glattes Leinen, raffinierte Spitze… Und kein Polyester weit und breit.

8. Wenn Du ein Kunstwerk wärst – welches wärst Du und warum?

Momentan am liebsten ein Gemälde von Pehr Hilleström. Besonders gefallen mir seine Bilder, die wie Momentaufnahmen direkt aus dem Leben wirken. Die vielen Details erzählen uns etwas über das alltägliche Leben der Menschen im Schweden des 18. Jahrhunderts. Das ist es auch, was ich sowohl in meiner alltäglichen Arbeit als auch mit meinem Hobby tun möchte: Den Leuten einen Einblick in die Vergangenheit geben.

9. Was ist das älteste Objekt, das Du besitzt und welche Bedeutung hat es für Dich?

Zwei Kupferstiche von 1642 und 1655 – einmal die Stadt Lenzburg und einmal die Stadt Aarau. Die Stiche sind für mich ein wortwörtliches kleines Fenster in die Vergangenheit und hängen daher auch in meinem Arbeitszimmer, wo ich nähe.

10. Wenn ein Zeitreisender Dich in drei Worten beschreiben müsste, welche wären das?

Hoffentlich «kreativ», «interessiert» und vermutlich «laut».