Christian Bolt hat sich als Schweizer Bildhauer im Laufe der Jahre einen Namen gemacht und dürfte vielen ein Begriff sein. Mir war Christian Bolt bisher unbekannt. Dies änderte sich jedoch, als ich eine Save-the-Date-Email für die Eröffnung der Ausstellung On Human Beauty erhielt.
Bisher habe ich mich mit zeitgenössischer Kunst immer ein wenig schwer getan. Was mich an dieser E-Mail stutzig machte, war die Detailaufnahme der Marmorskulptur Adorno (2021/22). Diese Arme! Jeder Muskel und jede Sehne war so eindrucksvoll ausgearbeitet, dass ich kurz dachte, es handle sich dabei um eine Skulptur aus der Frühen Neuzeit. Als ich dann las, dass Christian Bolt 2014 als erster Schweizer Bildhauer mit dem Professorentitel an der ältesten Kunstakademie (der Accademia delle Arti del Disegno in Florenz) ausgezeichnet wurde – also jener Akademie, welcher bedeutende Künstler wie Donatello, Leonardo da Vinci, Artemisia Gentileschi und Michelangelo angehörten – wollte ich unbedingt mehr wissen.

Femina, Gips, Einzelstück, 177 x 56 x 60 cm, 2023. Hintergrund: Il Grano, Öl auf Leinwand, Einzelstück, 190 x 220 cm, 2013 / 2017. CC BY 4.0 - Kozmojune, 2023.
Der 1972 in Uster geborene Künstler hat an der Accademia di Belle Arti in Carrara Bildhauerei, Kunstgeschichte und Anatomie studiert, bevor ihn seine Leidenschaft für den Klassizismus und den Humanismus der Renaissance nach Florenz führte, wo er einen Master-Abschluss in Fine Arts erwarb. Seither haben ihm zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland den Weg geebnet. On Human Beauty ist seine bisher umfangreichste Ausstellung, für die viele seiner Werke exklusiv in Auftrag gegeben wurden und in der Bolt gekonnt die Brücke zwischen klassischer und zeitgenössischer Kunst schlägt.
Im Zentrum steht nach Bolt die Auseinandersetzung mit dem Erhabenen und der Begrenztheit der menschlichen Existenz. Dieses Spannungsfeld, das sich zu seiner charakteristischen Formensprache entwickelt hat, erschließt sich dem Betrachter zunächst durch die unterschiedliche Behandlung, die wir z.B. bei Adorno sehen können. Auf die Frage, warum Bolt das Gesicht, die Hände sowie die Füße oft unvollendet lässt, antwortete er; seine Skulpturen entstünden aus dem Inneren. Je weiter weg also, desto unbestimmter sei die menschliche Existenz. Mit diesem philosophischen Hinweis und einem exquisiten Glas Weißwein, betrachtete ich nun die Skulpturen aus einem anderen Blickwinkel. Wo ich anfangs Gesichter vermisste, die die ganze Bandbreite der Gefühle vermittelten, war plötzlich der von Bolt beabsichtigte Dialog zwischen Figuration und Abstraktion zu sehen, in dem er den Betrachter zwingt, innerlich zu reflektieren und sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Indem er Körperteile wie Hände, Füße oder Gesichter unkenntlich macht, bietet er dem Betrachter die Möglichkeit, sich in das gezeigte Werk einzufühlen. Das führt einerseits dazu, dass man über das Werk hinaus über die conditio humana nachdenkt, andererseits öffnet es aber auch die Augen für die handwerkliche Kunstfertigkeit, die Bolt ohne Frage beherrscht. Wenn man sich darauf einlässt, vergisst man alles um sich herum. Was bleibt, ist pure Schönheit. Körperlich, wie auch geistig.
Dauer der Ausstellung: 20. Oktober 2023 – 23. Dezember 2023